Alle meine Anteile

Alle meine Anteile

Manchmal schaue ich in den Spiegel und denke mir: „Wow, was für eine Frau“

Nicht wegen meines Aussehens. Nein, wegen der Symbiose vieler unterschiedlichster und unermüdlicher, sich immer wieder aufs Neue bewährender Anteile in mir.

Manchmal schaue ich den Spiegel und ich sehe mich.

Ich sehe meine Person. Ich sehe alle meine Anteile.

Mein Spiegelbild. Eine junge Frau. Abgeschlossene Ausbildung. Abgeschlossenes Studium. Ein weiteres abgeschlossenes Studium. Leiterin. Gründerin und Managerin. Sportlerin. Kämpferin. Geldverdienerin.

Unabhängig. Selbstständig. Verantwortungsbewusst. Unermüdlich.

Ich sehe dieses Spiegelbild und in mir bäumt sich eine Power auf, die mir Lust auf mehr von diesem Leben gibt. In mir bahnt sich Mut an und der Gedanke: „Wow, ich bin eine Frau, die alles schaffen kann. Ich kann mich um mich und um meine Familie sorgen. Ich habe sämtliche Ziele meines Lebens erreicht. Ich bin noch jung und weiß dennoch, dass ich niemals Angst haben muss in Abhängigkeit von einer anderen Person zu leben! Ich bin Erwachsen geworden. Ich kann mich auf mich verlassen und ich brauche mich auf sonst niemanden verlassen! Ich bin eine Frau, die…!“

„Auf deinem Spiegel sind streifen! Sonst tust du doch immer so Erwachsen, aber das mit dem Spiegel putzen, müssen wir nochmal lernen. Wo sind deine Hausschuhe? Der Boden ist kalt.“

 Alles klar. Danke Mutter. Ich bin wieder in der Realität angekommen, putze den scheiß Streifen auf dem Spiegel weg, ziehe mir meine Hausschuhe an und sehe mein Spiegelbild:

Eine junge Frau. Abgeschlossene Ausbildung. Abgeschlossenes Studium. Ein weiteres abgeschlossenes Studium. Leiterin. Gründerin und Managerin. Sportlerin. Kämpferin. Geldverdienerin. Selbstständig. Verantwortungsbewusst und allen voran nicht in der Lage selbst zu entscheiden, ob es notwendig ist die Hausschuhe gerade anzuziehen oder nicht.

Meine Fähigkeiten einen Spiegel streifenfrei zu putzen, möchte ich an dieser Stelle nicht diskutieren. So viel sei verraten: Mutter sagt so, Vater schließt sich diskussionslos an Mutter an, Schwester ist ebenfalls pro Mutter und ich sage so.

Und das was eigentlich hinter dieser Hausschuh-Spiegelputzdebatte in unserem Familienhaus steht, dass sprechen wir nicht an, weil…

 „Und wo sind deine Hausschuhe? Du hast kalte Füße! Und zieh dir ein Unterhemd an. Draußen ist es kalt“.

 Ich verlasse das Haus. Mit Schuhen. Sollte ich meiner Mutter ein Foto davon schicken? Ich könnte ihr den Tag durch den Anblick ihrer Tochter in Schuhen versüßen. Den Spaß lasse ich mir nicht nehmen. Ich schicke das Foto. Mutter schreibt. Nachricht: „Hast du keine Stiefeletten? Deine Knöchel sind frei. Wir haben Winter!“.

Ich bin auf dem Weg zur Arbeit. Genauer gesagt: Auf den Weg zur Stadtverwaltung zur Besprechung von Projektgelder. In der rechten Hand den Umschlag mit der Bewilligung der Projektförderung durch Landesförderprogramme und die linke Hand eng um die Taille liegend, damit die Jacke vorne den Wind nicht durchlässt.

Ich könnte die Jacke auch zu machen, aber irgendwie sieht das dann komisch aus und fuck man, ich hätte mir ein Unterhemd anziehen sollen.


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Aylin Duman

Der Schwerpunkt ihrer Tätigkeiten liegt in der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Sie hat in verschiedenen pädagogischen Einrichtungen unterschiedlichste künstlerische Projekte mit Kindern und Jugendlichen umgesetzt. Seit 2016 wirkt sie in dem von ihr gegründetem Ensemble „Das Theaterbüro“ als Schauspielerin, Regisseurin und Projektleiterin.

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