DAS BIN ICH

DAS BIN ICH

Der Scheißkuchen 

„Sie erträgt viel. Sie erträgt sogar sehr viel. Elena Kristin Boecken ist bekannt als eine aufopferungsvolle und starke Frau im Kampf für eine gerechte(re) und gleichberechtigte(re) Zukunft. Jedes Mal, wenn sie sich zurückgeworfen fühlt, jedes Mal wenn sie selbst oder andere Diskriminierung erfahren, erscheint die junge Frau noch entschlossener. Ihr radikaler Kampf und ihre unverblümte Rhetorik haben bereits zu großen Veränderungen geführt…“

So oder so ähnlich hätte ich es gerne.

Ich bin aber keine Kämpferin. Ich bin nicht der Kopf einer feministischen Gruppe, die durch ihre eindrucksvollen und intelligenten Aktionen auf die Geschlechterungerechtigkeit aufmerksam macht. Ich stehe nicht an vorderster Front mit nacktem Oberkörper und schreie der Welt meine Wut entgegen. Ich bin keine Vordenkerin, keine Rednerin, keine Frauenrechtlerin. Ich bin Elena aus Köln. Weiblich, weiß, jung und fucking privilegiert. So privilegiert, dass ich erst vor wenigen Jahren überhaupt verstanden habe, warum es nötig sein könnte Feministin zu sein. Vorher habe ich die Dringlichkeit gar nicht gesehen.

Natürlich bin ich in eine gleichberechtigte Gesellschaft geboren worden. Also wenigstens weitestgehend gleichberechtigt. 1991: Frauen durften Arbeiten, Frauen durften selbstverständlich wählen, Frauen waren eigentlich genauso viel wert wie Männer. Ich habe mich also mit dieser Welt arrangiert, mehr noch: Ich habe wie selbstverständlich meinen Platz in dieser Welt gefunden, denn es war ein Platz für mich da.

Ich wuchs wohl behütet und ohne größere Zwischenfälle heran. Ich war von Glück und Erfolg verwöhnt. Während der Pubertät identifizierte ich mich mit meinem Geschlecht und beobachtete neugierig meinen sich verändernden Körper. Als Teenagerin war ich froh mir die Welt halbwegs erklären zu können. Zweifelsohne halfen mir dabei Schubladen, Klischees, klassische Rollenbilder. Meine Weltsicht war unglaublich beschränkt. Mann und Frau. Schwarz und weiß. Richtig und falsch. So und so. Mein 16-jähriges Ich glaubte den Code für ein glückliches Leben geknackt zu haben und war der Meinung, solange man tut, was erwartet wird, läuft es schon. Irgendwie.

Ich hatte bereits einen Plan für mein Leben ausgearbeitet und dieser drohte sich mit 23 in die Tat umzusetzen. Ich hatte einen Freund; ich war sicher ihn zu heiraten. Angehender Jurist, der demzufolge auch in der Lage sein sollte, gut für mich und unsere beiden bald-Kinder zu sorgen. Also ich war nicht schwanger, aber ich hatte dringend vor es zeitig zu werden. Ich wollte eine junge, engagierte Vollzeit-Mutter sein. Meine eigenen Karrierepläne hatte ich weitestgehend hintenangestellt. Ja gut, egal waren sie mir jetzt auch nicht, aber manchmal muss man sich selbst auch mal für das große Ganze hintenanstellen. Und das ist doch dann auch irgendwie Empowernd.

Empowerment ist übrigens ein Begriff, der mir das erste Mal begegnete, nachdem mich eben besagter Mr. Right verlassen hatte. Also zumindest erinnere ich das heute so. Begegnet ist mir der Begriff mit großer Wahrscheinlichkeit auch zuvor, aber ich war nicht empfänglich für das Thema. Ich wollte keine Feministin sein. Ich wollte nicht gleich viel vom Kuchen haben. Ich fand genau richtig wieviel Kuchen ich abbekam. Ich fand so ziemlich alles genau richtig. Aber mein Ex, der fand mich offensichtlich nicht genau richtig.

So stand ich mitten in meinem Lebensplan. Zwischen Zusammenziehen, Hochzeit und Absetzen der Antibaby-Pille und plötzlich fehlte mir die Hälfte des Plans. Ich war da. Ich war genau richtig. Ich war ready. Aber ich war nur noch halb. Ich hatte alles durchdacht, alles richtig gemacht und war trotzdem nur noch halb. Nicht mehr lebensfähig. Alleine. Klein. Unbedeutend. Unzureichend.

Und da war es. Das Erwachen. Ich wollte mich nie wieder halb fühlen. Ich wollte nie wieder klein sein. Ich wollte nicht die Hälfte vom Scheißkuchen. Ich wollte den ganzen Kuchen für mich alleine. Ich habe an mir gearbeitet, ich habe alles hinterfragt an was ich je geglaubt hab. Ich bin verzweifelt. Ich bin verzweifelt an mir, meiner Geschichte, meiner Vergangenheit, meinen Erfahrungen, meinen Moralvorstellungen und meinen tiefsten Wünschen.

Ich habe mir selbst widersprochen, habe mich nicht wiedererkannt. Ich war mir fremd und gleichzeitig war ich mir so nah wie nie zuvor. Ich habe mich verloren und gefunden, manchmal mehrmals täglich.

Und als ich dann endlich mit meiner Selbstfindung fertig war, wurde mir schmerzlich bewusst, dass ich nur eine Variable in dieser Gleichung bin. Ich als junge weiße Mehrheitsfrau musste meinen neuerrungenen feministischen Blick sofort wieder erweitern. So wurde mir klar, dass die Probleme weitaus vielschichtiger sind und ich bisher nur an der Oberfläche des Problems gekratzt hatte. Frauen erfahren Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts, aber auch und zusätzlich aufgrund von Rassismus, Ableismus, Klassismus, Sexualität und Trans*Identität.

Es gibt immer noch viel für mich zu lernen. Eine wichtige Erkenntnis konnte ich allerdings bereits gewinnen: Nicht nur ich will den ganzen Scheißkuchen, wir alle wollen den ganzen Scheißkuchen. Und die ermutigende Nachricht ist: Es ist genug Kuchen für uns alle da, wir dürfen nur nicht müde werden ihn einzufordern.

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Elena Kristin Boecken

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