Lieber Held

Lieber Held

Lieber Held,

ich hab dir schon mehrmals geschrieben, aber ich kriege nichts zurück.

Ich hab mir so Mühe gegeben, weißt du was, fick

dich doch, manchmal glaub ich, es ist sinnlos mit uns beiden,

eigentlich hab ich Besseres zu tun, als zu schmeicheln, zu beneiden!

Als ich jünger war, dachte ich, ich brauche nur dich,

du bist mein Leitstern, und ich wende mich an dich,

wenn ich in Schwierigkeiten bin, nutz ich die Macht, zieh ich mein Schwert,

bin so wie du ein wahrer Held mit reinem Herz von wahrem Wert.

Hab dir geschrieben, Held, hab dich um Rat gefragt,

vielleicht ist der Brief nicht angekommen, hab ich mir wochenlang gesagt.

Hast ihn einfach nicht geöffnet? Bleim sie stapelhoch liegen?

Wirfst du ‘nen flüchtigen Blick drauf, denkst: „Was für Flitzpiepen!“

Aber, Held, du bist mir wirklich wichtig gewesen!

Ich dachte, es ist ein Geben und Nehmen, ein Schreiben und Lesen!

Ich hab immer gedacht, es ist egal, dass wir verschieden sind,

du bist halt, wie du bist und ich bin halt, wie ich bin.

Aber vielleicht trennt uns doch zu viel, oder halt, das ist das falsche Ende:

Mir wurde einfach bewusst, dass ich mich an den Falschen wende!

„Ein Held ist ein Held, und klar ist er immer blond und schön,

und klar ist er’n Mann, aber ich denk, das wird für mich schon gehn.“

Ich hab nicht nur auf dich gehört, sondern nur auf solche wie dich,

und ein Loch klafft, in dem niemand ist wie ich.

Ach, vergiss es, ich geb ‘ne miserable Held*in ab,

nein, wirklich, ich nehm ihn nicht, den Held*innenstaffelstab,

ich will nicht in dieser langen Liste blonder Schönlinge stehn,

dieses Loch in mir klafft von Helden, straight, blond und schön.

Nein, Held, ich werde nicht dein Token sein.

Auch wenns das fast wert ist, ich hör die Reddit-Dudes schon schrein:

Sie fühlen sich nicht mehr gespiegelt, pegeltrunken voller Helden,

brauchen immer ihre Dosis, damit sie was zu melden

haben. Lieber Held, ich glaube, ich bin ohne dich besser dran.

Nicht nur das, ich glaube, du bist mit dem Transformieren dran:

Dein Blond und Schön, es stellt Fragen, wird zerbrechlich,

toxische Männlichkeit, pah, trau dich mal und sei schwächlich!

Such dir Hilfe, Mann, am besten professionelle.

Du mussts nur sagen, dann kommen wir auf die Schnelle,

machen mit dir die Welle, nicht länger dumpf auf der Stelle,

ich glaub, wir stehn längst der Schwelle,

aber wir sind schon viel zu oft einfach nicht drübergegangen,

sind in der Unsicherheit vor diesem „Hinüber“ gefangen.


Held, nimm meine Hand, nimm deinen Hut, du wirst mir dankbar sein,

Nimm ihn zusammen, deinen Mut, kein echter Held mehr zu sein.


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Judith Vogt

Judith Vogt (geb. 1981) schreibt, übersetzt und podcastet hauptberuflich zu den Themen Science-Fiction, Fantasy und Feminismus, außerdem ist sie seit Ende 2021 Orga der Frauen & Gender AG der Aachener Grünen. Der Rap "Lieber Held" erschien 2021 im Magazin "Queer*Welten" (Ausgabe 3). Zusammen mit ihrem Partner Christian verfasste sie u.a. die Romane "Anarchie Déco" - Krimi, Magie und Queerness im Berlin der 1920er - und "Schildmaid - Das Lied der Skaldin" - eine feministische Fabel im Frühmittelalter. www.jcvogt.de | www.genderswapped-podcast.de

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